„Neue Herausforderungen für die Lebensmittelüberwachung“ – LBW-Fachgruppentag 2025
Welche Herausforderungen kommen in den nächsten Jahren auf die Lebensmittelüberwachung und damit die Lebensmittelchemikerinnen und -chemiker zu? Zu diesem spannenden Thema wurde auf dem Fachgruppentag des Landesverbands der Lebensmittelchemiker/-innen im öffentlichen Dienst BW (LBW) referiert und diskutiert. Die Resonanz war hoch, die Teilnahme und der Zuspruch bei den Mitgliedern, aus der Politik und der Landesverwaltung war groß. Die anwesenden Abgeordneten Armin Waldbüßer (MdL, Bündnis 90/Die Grünen), Klaus Burger (MdL, CDU) und Georg Heitlinger (MdL, FDP/DVP) sowie Ministerialdirektorin Isabel Kling betonten die Wichtigkeit des gesundheitlichen Verbraucherschutzes und die tragende Rolle der Lebensmittelchemikerinnen und Lebensmittelchemiker vor allem in den Chemischen und Veterinäruntersuchungsämtern (CVUAs). Die Komplexität der Überwachung von Lebensmitteln und verbrauchernahen Produkten (Kosmetik, Bedarfsgegenstände, Tabak) steigt durch diverse neue Herausforderungen wie dem zunehmenden Onlinehandel, dem Einfluss von Social Media und dem globalen Handel stetig an und erfordert ausreichendes und kompetentes Personal.
Am 3. Juni 2025 begrüßte die LBW-Vorsitzende Elisabeth Burgmaier-Thielert die Mitglieder des LBW zum Fachgruppentag im Panoramasaal des LGL (Landesamtes für Geoinformation und Landentwicklung) mit seinem herrlichen Blick über Stuttgart. Herzlich empfing sie auch die Abgeordneten Armin Waldbüßer (MdL, Bündnis 90/Die Grünen), Klaus Burger (MdL, CDU) und Georg Heitlinger (MdL, FDP/DVP) sowie Isabel Kling (Ministerialdirektorin, MLR (Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz)) sowie viele weitere Gäste aus befreundeten Verbänden und der Landesverwaltung. Darunter waren Stephan Bludovsky (stellv. Präsident des LGL), Dr. Edwin Ernst (stellv. Abt.leiter 3, MLR), Dr. Roman Herzog (Leiter Ref. 32, MLR,), Christine Baumgart (Leiterin Ref. 36, MLR), Dr. Christian Marquardt, Vorsitzender LbT-Verband (Landesverband der im öffentlichen Dienst beschäftigten Tierärzte Baden-Württemberg e.V.), Tomas Högg, Vorsitzender LMK-Verband (Landesverband der Lebensmittelkontrolleure Baden-Württemberg e.V.) und Dr. Linda Koiou, Leiterin LKL BW (Landeskontrollteam Lebensmittelsicherheit Baden-Württemberg).

Elisabeth Burgmaier-Thielert dankte LGL-Präsident Dieter Ziesel und stellv. Präsident Stephan Bludovsky, dass er dem LBW diesen schönen Raum für die Tagung zur Verfügung gestellt hat. Sie hob die aktuellen Herausforderungen für die Lebensmittelüberwachung hervor, wie z. B. die Schnelllebigkeit, Ernährungstrends wie vegane Lebensmittel und Insekten, den Internethandel und Functional Food. Verbraucherinnen und Verbraucher erwarten höchste Sicherheitsstandards bei gleichzeitig globalen schwer überschaubaren Handelsströmen und zunehmendem Betrug im Lebensmittelverkehr. Die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger zu schützen und für die Lebensmittelsicherheit zu sorgen, ist jedoch nicht zum Nulltarif zu haben. Aus diesem Grund betonte Sie den Personalbedarf, vor allem an den CVUAs. Die Ämter müssen auf jeden Fall handlungsfähig bleiben. Digitalisierung bringt zwar viele Vorteile, diese muss aber sinnvoll geschult und in den Alltag integriert werden. Ebenfalls wies sie darauf hin, dass die Nachwuchsgewinnung und die Besetzung offener Stellen auch im Bereich der Lebensmittelchemie zunehmend schwieriger werden.
Bevor die LBW-Vorsitzende Dr. Maren Hegmanns in ihrer Moderation den Abgeordneten das Wort gab, würdigte Stephan Bludovsky in seiner Begrüßung im Namen des LGL-Präsidenten Dieter Ziesel, die Arbeit der Lebensmittelchemikerinnen und -chemiker, auch in seinem Haus - beim LKL - und betonte das Bewusstsein für den Stellenwert dieser Berufsgruppe, was auch erkennbar an der hohen Anzahl anwesender Abgeordneter sei.
In ihren Statements brachten die Politiker die Wichtigkeit des gesundheitlichen Verbraucherschutzes auch anhand eigener Erfahrungen zum Ausdruck. So betonte Armin Waldbüßer (MdL, Bündnis 90/Die Grünen), dass der Verbraucherschutz für ihn als Inhaber eines Bioladens eine Herzensangelegenheit sei. Er habe stets im gemeinsamen Einsatz mit Klaus Burger (MdL, CDU) für mehr Personal und Investitionsmittel an den CVUAs gekämpft. Er bedauere, dass die Glück-Liste mit gut begründeten Stellenzuwächsen leider nicht weiter umgesetzt wurde. Mit Blick auf die neuen Herausforderungen sprach er von seiner kritischen Sicht auf Social-Media-Einflüsse und nannte als Beispiele: Dubai-Schokolade mit Schadstoffen und die „Hot-Chip-Challenge". Er betonte die Notwendigkeit guter personeller und instrumenteller Ausstattung der CVUAs. Auch Klaus Burger (MdL, CDU) sprach nach seinem Lob für die Vorsitzende Elisabeth Burgmaier-Thielert und die beachtliche und beharrliche Arbeit des LBW, von neuen Herausforderungen wie den Globalen Warenströmen, den Lebensmitteltrends und Novel Food, der Zunahme digitaler Geschäftsmodelle und dem Klimawandel sowie der Ressourcenknappheit, welche Herausforderungen für die Arbeit der CVUAs darstellen. Leider musste auch er auf das enge Haushaltskorsett verweisen. Georg Heitlinger (MdL, FDP/DVP) berichtete, dass er auch als Landwirt mit 30.000 Legehennen von guter Lebensmittelüberwachung profitiere. Er habe eine vollständig positive Sicht auf die Zusammenarbeit. Die Lebensmittelüberwachung wolle nichts Böses von Herstellern und Erzeugern, im Gegenteil, bei guter Arbeit profitieren beide Seiten. Der Fipronil-Skandal war 2017 beispielsweise die beste Werbung für regionale Eier-Produzenten.
Fazit aller drei Abgeordneten: Die Arbeit der Lebensmittelchemikerinnen und -chemiker in den Untersuchungsämtern für die Sicherheit der Lebensmittel muss unterstützt werden – nach Möglichkeit durch Personal- und Sachmittel. Dies ist ein Zeichen größter Anerkennung der Arbeit der Lebensmittelchemikerinnen und -chemiker.
Auch Ministerialdirektorin Isabel Kling lobte im Namen des MLR die Arbeit der Lebensmittelchemikerinnen und -chemiker, auf die immer Verlass wäre und die kompetente wertvolle Arbeit leisteten. Sie richtete die besten Grüße von Minister Peter Hauk aus. Sie beide seien stolz auf die Untersuchungsämter und deren breites Spektrum an Fach- und Untersuchungskompetenz auch bzgl. neuer Herausforderungen. Sie kam aber nicht umhin, auch auf die prekäre Haushaltslage hinzuweisen und dass sie jegliche Anstrengungen unterstütze, welche das Arbeiten effizienter machten. Sie betonte das Motto "Transparenz schafft Vertrauen" (Zitat Minister Peter Hauk zu Dubai-Schokolade). Ihr ist es wichtig, Verbraucherinnen und Verbrauchern in Baden-Württemberg sagen zu können, dass Lebensmittel sorglos verzehrt werden können. Sie appellierte an alle, eine positive Einstellung zu leben: "Mit Lächeln durchs Leben gehen" – und den Schreibtisch voller Herausforderungen statt voller Probleme zu sehen. Lebensmittelchemikerinnen und -chemiker in Baden-Württemberg gehören zu den besten und können stolz auf sich sein!

Für den Fachgruppentag konnten als Fachreferenten Dr. Stephan Walch, Leiter des CVUA Karlsruhe und Melisa Güneri, Sachverständige am CVUA Stuttgart gewonnen werden.
Dr. Stephan Walch veranschaulichte sehr klar und übersichtlich in seinem Vortrag „Klimawandel und Zeitenwende“, welche Herausforderungen aus dem Dreieck Lebensmittelsicherheit, Nachhaltigkeit und Ernährungssicherheit entspringen und wie diese sich gegenseitig beeinflussen. Als Haupt-Herausforderungen stellte er die Themen Bevölkerungswachstum (überwiegend in Asien und Afrika), Alterung in Industrienationen und den Klimawandel (Niedrigwasserstände, Waldbrände auch in Europa) vor. Dafür zeigte er verschiedene Lösungsansätze auf, die weltweit entwickelt werden und welche neuen Aufgaben daraus für die Lebensmittelüberwachung resultieren. Konkret waren dies Insekten als Nahrungsmittel, welche einen geringeren Ressourcenverbrauch und einen höheren essbarer Anteil haben im Vergleich zu Rind. Für diese Produktgruppe müssen neue Analysenmethoden entwickelt werden. Des weiteren Laborfleisch, dessen Herstellung derzeit noch einen hohen Energiebedarf erfordert, kostenintensiv ist und bei dem noch einige Kennzeichnungs- und Sicherheitsfragen offen sind oder Proteine von Einzellern, welche ebenfalls energieintensiv hergestellt werden müssen. Der Green Deal der EU - from Farm to Fork Ansatz - könnte eine Verringerung von Pestizid-, Antibiotika- und Düngemitteleinsatz nach sich ziehen. Der Einsatz von GVO ist ein nicht unumstrittener Ansatz, klima- und schädlingsresistente Pflanzen zu erhalten, der überwacht werden muss. Die Verwendung von Recyclingkunststoffen für Lebensmittelkontaktmaterialien stellt ebenfalls eine große Herausforderung für die Analytik und Bewertung dar. Als weitere Herausforderungen betonte Dr. Stephan Walch die Themen Social Media und KI und legte dar, wie beispielsweise virtuelle Influencer besonders junge Menschen beeinflussen können. Dr. Stephan Walch erläuterte den KI-Einsatz im CVUA Karlsruhe. Es gibt bereits erste Ideen und Ansätze zur Kennzeichnungsprüfung durch KI wie zum Beispiel - maschinenlesbare Fotos von Etiketten. Dies zeigt, dass in Zukunft KI die Arbeit der Sachverständigen unterstützen wird, diese aber nicht ersetzen kann. In der anschließenden Diskussion wurde betont, dass die Zusammenarbeit zwischen den Bundesländern insbesondere im Hinblick auf neue Herausforderungen in der Lebensmittelüberwachung intensiviert werden muss. Außerdem wurde darauf hingewiesen, dass die "Digital Natives" zwar relativ leicht mit KI arbeiten können, aber die "Digital Immigrants" noch Zeit brauchen um den Umgang mit KI zu lernen.

Anschließend stellte Melisa Güneri (CVUA Stuttgart) unter dem Titel „Social-Media-Werbung im Fokus“, die Ergebnisse des von ihr im Auftrag des MLR bearbeiteten Forschungsprojekts zu Angebot und Bewerbung von Nahrungsergänzungsmitteln (NEM) auf Social Media und durch Influencer vor. Durch Recherchen von Bewerbungen auf Social-Media-Plattformen in ganz Deutschland konnten Werbestrategien von Unternehmen und Influencern abgeleitet werden. In mehreren Kampagnen wurde die Beurteilung von Social-Media- und Influencer-Werbung in die Sachverständigen-Gutachten zu amtlichen Proben aufgenommen und konnte so im Vollzug im Rahmen der Lebensmittelüberwachung berücksichtigt werden. Von 137 überprüften Firmen in Baden-Württemberg waren mehr als 90% auf Social Media vertreten. Sie führte aus, wenn zwischen einem Influencer und dem Unternehmen eine bezahlte Werbepartnerschaft vorliegt, die vom Influencer getroffenen Werbeaussagen dem Lebensmittelunternehmer zugeschrieben werden können. Sie unterliegen somit rechtlich genauso der Verantwortung des Lebensmittelunternehmers wie die vom Unternehmen selbst getroffenen Werbeaussagen. Dies kann durch verschiedene Merkmale in der Social-Media-Bewerbung begründet werden. Frau Güneri berichtete, dass die Beanstandungsquoten aufgrund unzulässiger insbesondere gesundheitsbezogener Werbeaussagen im Rahmen der verschiedenen Probenkampagnen sehr hoch waren, in einer Probenkampagne beispielsweise wurden 89 % der erhobenen Proben beanstandet, davon 67 % auch aufgrund von unzulässiger Social-Media-Werbung, bei den Influencer-Produkten lag die Beanstandungsquote sogar bei 100 %, wobei in allen Fällen auch unzulässige Social-Media-Werbung beanstandet wurde.

Ihre Erkenntnisse verdeutlichten wie vielfältig Werbestrategien sind, aber auch mit welchen Strategien unzulässige Bewerbung erkannt und im Rahmen der Lebensmittelüberwachung beanstandet werden kann. Dies zeigte sie dem Publikum sehr anschaulich an konkreten Beispielen, wobei auch die Dynamik auf Social Media sehr deutlich wurde. Als Herausforderungen definierte sie vor allem die erforderliche zeitintensive Recherche und die Dynamik auf Social Media, sowie die Zuordnung der Verantwortlichkeiten für Influencer-Beiträge. Als Fazit betonte Frau Güneri die Bedeutung der Überwachung von Social-Media- und Influencer-Werbung als eine neue Aufgabe der Lebensmittelüberwachung, da die verschiedenen Probenprojekte gezeigt haben, dass Werbung im Internet und insbesondere auf Social Media häufig unzulässige gesundheits- sowie krankheitsbezogene Angaben enthält und Verbraucher dadurch getäuscht und durch zielgerichtete und vielschichtige Strategien von Unternehmen und Influencern zum Kauf verleitet werden. In der sich anschließenden lebhaften Diskussion wurde darüber diskutiert, dass nicht nur NEMs, sondern inzwischen auch viele andere Lebensmittel wie beispielsweise Süßigkeiten und Schokolade über Social Media beworben und vermarktet werden und auch kosmetische Mittel eine große Rolle z. B. auf Instagram spielen. Alle waren sich einig, dass es notwendig ist, die Überwachung der Influencerinnen und Influencer sowie der Social-Media-Auftritte von Lebensmittelunternehmen in die Routineüberwachung zu integrieren, was allerdings zusätzliche personelle Ressourcen erfordert.
In einem kurzen Fazit fasste Dr. Maren Hegmanns die vielfältigen neuen, aber auch spannenden Herausforderungen zusammen und bedankte sich ganz herzlich bei Isabel Kling (Ministerialdirektorin, MLR), den anderen Gastredner und den beiden Referierenden. Sie betonte erneut, wie wichtig es ist, den gesundheitlichen Verbraucherschutz vor dem Hintergrund der vielfältigen Herausforderungen nicht zu vernachlässigen, sondern weiter zu stärken und bat auch die Landtagsabgeordneten und Vertreterinnen und Vertreter des Ministeriums sich dafür einzusetzen. Sie bedankte sich außerdem bei der Fotografin und dem gesamten LBW-Vorstand. Sie alle haben zu einem informativen und kurzweiligen Fachgruppentag beigetragen.
In einer letzten Abschlussrunde fragte Dr. Maren Hegmanns die Abgeordneten, was Sie in der bevorstehenden Landtagswahl 2026 im Bereich des gesundheitlichen Verbraucherschutzes einbringen werden? Klaus Burger (MdL, CDU) antwortete: "Wir müssen dranbleiben, die Aufgaben werden vielfältiger und schwieriger". Er sagte seine Unterstützung für den gesundheitlichen Verbraucherschutz zu. Armin Waldbüßer (MdL, Bündnis 90/Die Grünen) ermutigte den LBW aktiv auf Politikerinnen und Politiker mit seinen berechtigten Forderungen zuzugehen. Eine Sensibilisierung für den Handlungsbedarf sei dort sehr wichtig. Georg Heitlinger (MdL, FDP/DVP) betonte: „Es ist ein Zusammenschluss gegen Fake-News notwendig. Verbraucherschutz ist wichtig. Wir alle müssen uns dafür einsetzen“.
Zum Ende des Fachgruppentags zeigte Dr. Maren Hegmanns einen Ausblick auf die geplanten Aktivitäten des LBW auf, dazu gehören Wahlprüfsteine für die Landtagswahl, das Weiterverfolgen der aktuellen Themen, wie den Personalbedarf in den CVUAs, die Etablierung von lebensmittelchemischem Sachverstand in den unteren Lebensmittelüberwachungsbehörden sowie die Nachwuchsgewinnung.
Abschließend bedankten sich die beiden LBW-Vorsitzenden bei allen Teilnehmenden, besonders bei den drei Abgeordneten, bei Ministerialdirektorin Isabel Kling den drei Referatsleiterinnen und Referatsleitern des MLR für ihr Kommen.
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